Nachrichten für Außenhandel (NfA)

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Russland: Local Content Regelung bringt die Qualität in Gefahr
Erscheinungsdatum Website: 14.09.2011 13:10:02
Erscheinungsdatum Publikation: 15.09.2011
Internationale Konzerne müssen Fachkräfte oft selbst ausbilden / Von Denis Schmalz
FRANKFURT (NfA)--Der russische Pkw-Absatzmarkt kann schon in sehr naher Zukunft die Nummer 1 in Europa werden. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, sind ausländische Hersteller gezwungen, ihre Produktion vor Ort aufzubauen. Denn die Local-Content-Regelungen, die die russische Regierung Ende vergangenen Jahres verabschiedet hatte, stellt hohe Anforderungen an Produzenten. Trotzdem plant beispielsweise der Wolfsburger VW-Konzern in den nächsten vier Jahren etwa 900 Mio USD in Russland zu investieren. Der italienische Autobauer Fiat, der in St. Petersburg ein Motorenwerk und eine Autofabrik bauen will, stellt Investitionen in Höhe von 1,1 Mrd USD in Aussicht.
Die Produzenten sind gezwungen, nach drei Jahren im Land 30% der für Produktion erforderlichen Teile aus lokaler Herstellung zu beziehen. Nach vier Jahren sollen gar 60% der Baukomponenten auf russischem Boden produziert werden. Laut Marc Kloepfel, Geschäftsführer des deutschen Beratungsunternehmens Kloepfel Consulting, macht die russische Regierung mit der Local-Content-Regelung aus ihrer Sicht das einzig Richtige. Denn mit Niederlassungen von westeuropäischen Kfz-Produzenten in Russland kommt auch das fehlende technische Know-how in das Land, was für die russische Industrie derzeit bitter nötig sei. Die ausländischen Hersteller ihrerseits stoßen dabei jedoch auf Probleme. Die größten Mängel sieht Kloepfel bei dem Qualitätsmanagement der russischen Zulieferfirmen. Denn ein russischer Manager denke über die Qualität ganz anders als ein deutscher. In Russland sei es in Ordnung, wenn 10% der Produktion nicht den Qualitätsanforderungen entsprechen. Bei deutschen Herstellern darf die Abweichung nur bei 0,1 bis 0,2% liegen. Logistische Schwierigkeiten und hoher Anteil der Handarbeit sind für Qualitätsprobleme ebenfalls verantwortlich. Besonderer Nachholbedarf besteht hier bei den hochtechnologischen Fahrzeugteilen. Hier seien die Engpässe enorm.
Darüber hinaus fehle es in Russland an gut ausgebildeten Fachkräften. Ein enormer Rückstand herrscht laut Kloepfel in den Bereichen betriebswirtschaftliches und technologisches Management. Es gäbe in Russland genug Physiker und Mathematiker, diese sind jedoch kaum in Hinblick auf die Praxis ausgebildet. Vor allem haben sie ganz andere Vorstellungen von einem Produktionsprozess als westliche Spezialisten. So sind die Unternehmen gezwungen, die Fachkräfte entweder selbst auszubilden, was sehr viel Zeit und Geld in Anspruch nimmt, oder die von einem Konkurrenten bereits ausgebildeten Arbeiter abzuwerben. Das treibt die Personalkosten ebenfalls in die Höhe.
Dennoch überwiegen aus der Sicht des Experten Kloepfel die Chancen. Denn Produzenten können durch eine lokale Produktion besser den stark wachsenden Absatzmarkt bedienen. Dadurch können sie langfristig günstiger produzieren und mehr Wettbewerbsfähigkeit entwickeln als Konkurrenzen, die importieren. Auch Subventionen, die die russische Regierung für eine Niederlassung in Aussicht stellt, dürfen nicht außer acht gelassen werden.
Politische Einflusse sieht Kloepfel als unproblematisch. Die bevorstehende Präsidentschaftswahl im Frühling des kommenden Jahres wird entweder Wladimir Putin oder Dmitrij Medwedew zum Präsidenten küren. Beide sind der deutschen Wirtschaft bereits bekannt. Insoweit sind politische Turbulenzen auszuschließen. Und solange der Öl- und Gaspreis hoch ist, wird sich auch die Wirtschaft positiv entwickeln. Längerfristige Risiken seien jedoch kaum absehbar, sagte der Kloepfel-Consulting-Chef gegenüber der NfA.
dsc/NfA/9.9.2011

