Euro Intern

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EZB erhöht Leitzinsen um 75 Basispunkte

Erscheinungsdatum Website: 09.09.2022 19:00:30
Erscheinungsdatum Publikation: 12.09.2022

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FRANKFURT (Dow Jones)--Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre Leitzinsen um 75 Basispunkte erhöht. Zugleich signalisierte die Notenbank weitere Zinserhöhungen in der Zukunft. "Der EZB-Rat geht davon aus, dass er die Zinssätze weiter anheben wird, da die Inflation nach wie vor viel zu hoch ist und wahrscheinlich für einen längeren Zeitraum über dem Zielwert liegen wird", erklärte EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Der EZB-Rat werde seinen geldpolitischen Pfad anhand der Daten regelmäßig neu bewerten. Die künftigen Zinsentscheidungen würden von Sitzung zu Sitzung getroffen.

Ökonomen waren vor der Sitzung unterschiedlicher Meinung darüber gewesen, wie stark die EZB an der Zinsschraube drehen wird. Von insgesamt 43 Ökonomen, die von Dow Jones Newswires befragt wurden, rechneten 23 mit einem Zinsschritt um 75 Basispunkte, während 17 eine Erhöhung um 50 Punkte vorhersagten. Drei Ökonomen erwarteten lediglich eine Erhöhung um 25 Basispunkte. An den Terminmärkten war ein Zinsschritt zu 75 Basispunkten nahezu eingepreist.

Der Hauptrefinanzierungssatz steigt mit dem Beschluss des EZB-Rats auf 1,25 Prozent, der Bankeinlagensatz auf 0,75 Prozent und der Spitzenrefinanzierungssatz auf 1,50 Prozent. Die Federal Reserve ist im aktuellen Zinszyklus bereits zwei Mal einen großen Zinsschritt um 75 Basispunkte gegangen, doch für die EZB ist es eine historische Premiere. Lagarde sagte bei ihrer Pressekonferenz, der Zinsbeschluss sei "trotz unterschiedlicher Ansichten im Rat einstimmig getroffen worden".

EZB steht vor Dilemma

Wegen der extrem hohen Inflation hat die EZB eine Zinswende eingeleitet. Im Juli beendete sie ihre Nullzinspolitik und erhöhte ihre Leitzinsen erstmals seit elf Jahren. Der Schlüsselzins stieg damals um 50 Basispunkte auf 0,50 Prozent.

Mit Blick auf den weiteren Zinspfad steht die EZB allerdings vor einem Dilemma: Zum einen muss sie darauf achten, die Konjunktur nicht mit zu starken Zinserhöhungen abzuwürgen. Und zum anderen muss die EZB auch die schwächeren Mitglieder der Währungsunion im Blick behalten und darf diese nicht in eine Schuldenkrise treiben. Beim Dreh an der Zinsschraube bedarf es daher viel Fingerspitzengefühl.

Ein weiteres Problem ist der schwache Euro, der die Inflationsbekämpfung erschwert. Zuletzt fiel der Euro unter die Parität zum US-Dollar und wurde zum niedrigsten Kurs seit knapp 20 Jahren gehandelt. Ein schwacher Euro macht die Importe teurer und heizt die Inflation im Euroraum an, weil Rohöl und viele Rohstoffe in Dollar bezahlt werden. Steigende EZB-Leitzinsen sollten den Euro-Kurs jedoch stützen.

EZB erhöht Inflationsprognosen

Die EZB legte neue Projektionen vor und erhöhte ihre Inflationsprognosen deutlich, während sie ihre Wachstumsprognosen für die beiden kommenden Jahre senkte. "Der Preisdruck hat sich in der gesamten Wirtschaft weiter verstärkt und ist breiter geworden", erklärte die Notenbank. Der EZB-Stab sieht die Inflation 2022 jetzt im Durchschnitt bei 8,1 (bisher: 6,8) Prozent, 2023 bei 5,5 (3,5) Prozent und 2024 bei 2,3 (2,1) Prozent.

Zugleich projizierte die EZB ein schwächeres Wachstum in den nächsten beiden Jahren. Der EZB-Stab erwartet jetzt eine Wachstumsrate für 2022 von 3,1 (2,8) Prozent, 2023 von 0,9 (2,1) und 2024 von 1,9 (2,1) Prozent. "Nach einer Erholung im ersten Halbjahr 2022 deuten die jüngsten Daten auf eine erhebliche Verlangsamung des Wirtschaftswachstums im Euroraum hin, wobei im weiteren Jahresverlauf und im ersten Quartal 2023 mit einer Stagnation der Wirtschaft gerechnet wird", hieß es.

Außerdem beendete die EZB das zweistufige System bei der Verzinsung von Überschussreserven. Nach Anhebung des Einlagesatzes auf über null sei das zweistufige System nicht mehr erforderlich, hieß es. Der EZB-Rat habe daher beschlossen, das zweistufige System auszusetzen, indem der Multiplikator auf null gesetzt wird.

Experten bewerten Zinsschritt positiv

Ökonomen und Wirtschaftsverbände haben die Entscheidung der EZB im Großen und Ganzen als positiv bewertet. Der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV), Helmut Schleweis, bezeichnete die Zinsentscheidungen der EZB als "wichtigen weiteren Schritt in Richtung eines angemessenen Zinsniveaus". Diesen müssten weitere Zinsschritte folgen, um die Teuerung abzubremsen und die Inflationserwartungen im Euro-Raum zu stabilisieren.

Auch Chefvolkswirt Otmar Lang von der Targobank lobte die kräftige Zinserhöhung. "Bravo! Offensichtlich haben inzwischen auch die Tauben - also die Verfechter einer lockeren Geldpolitik - begriffen, dass längst nicht mehr nur die Reputation von EZB-Chefin Christine Lagarde auf dem Spiel steht, sondern die gesamte Institution ihre Glaubwürdigkeit verliert", urteilte Lang in einer ersten Einschätzung.

Der Präsident des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, begrüßte die Zinserhöhung ebenfalls. "Besser spät als nie", sagte er. Die 75 Basispunkte seien ein richtiger Schritt. Dennoch bleibe die Geldpolitik sehr expansiv. "In den nächsten Monaten werden weitere Zinserhöhungen folgen müssen", hob der Ökonom hervor. Die Zinsen seien nach wie vor sehr niedrig, und die Inflationserwartungen der privaten Haushalte stiegen immer weiter an.

DJG/apo/cbr

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