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Der Pharma-Welt gehen die Megafusionen wohl nicht aus

Erscheinungsdatum Website: 08.07.2019 14:20:06
Erscheinungsdatum Publikation: 09.07.2019

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NEW YORK (Dow Jones)--Die Fusionswelle in der Pharma-Branche dürfte noch lange nicht vorbei sein. Abbvie überraschte die Anleger im Vormonat mit einer Einigung auf den Kauf von Allergan zu einem Preis von 63 Mrd US-Dollar. Schon vorher hatte Bristol-Myers Squibb den Erwerb von Celgene für 74 Mrd Dollar angekündigt, während die japanische Takeda im Vorjahr für 58 Mrd Dollar bei Shire zugriff.

Auf die Ankündigung hin verbilligte sich die Abbvie-Aktie zunächst um 16%, erholte sich seitdem aber prächtig. Das mag an der Einschätzung des Marktes gegenüber Megafusionen liegen. Inzwischen gelten sie als ganz natürliche strategische Option für Pharmakonzerne. Das Kalkül ist in der Tat erfrischend simpel: Es wird nämlich immer schwerer für Umsatzwachstum zu sorgen.

Viele der größten medizinischen Themen hat die Branche mittlerweile erfolgreich angepackt und en passant Patienten sowie Anlegern geholfen. Manche große Herausforderungen sind aber noch sowohl unerforscht als auch kaum therapierbar, darunter Alzheimer und Lebererkrankungen, bei denen die klinischen Studien vielfach auf breiter Front scheiterten.

Diese Entwicklung lastet auf den Pharmakonzernen, denen in großem Stil die Umsätze wegbrechen, sobald der Patentschutz für wichtige Blockbuster wegfällt. Und viele große Biotech- sowie Pharmakonzerne verbuchen zu allem Übel auch noch das Gros ihrer Umsätze mit nur einem einzigen Produkt. Da spricht das Beispiel von Abbvie Bände, die in den vergangenen Quartalen rund 60% allein durch das Entzündungsmittel Humira erlöste.

Zugleich sträuben sich die Pharmaunternehmen dagegen, mit Preiserhöhungen das Wachstum anzukurbeln. So zogen im ersten Quartal 2019 die Listenpreise für US-Markenpräparate nur um 3,3% an im Vergleich zu plus 6,3% im Vorjahr, so SSR Health. Und US-Präsident Donald Trump unterzeichnete erst vor kurzem ein Dekret, mit dem die US-Regierung die Preise, die sie zahlt, nach unten drückt.

All das sind Argumente für Fusionen. So lohnt sich der Kauf eines großen Rivalen oft mehr als die exorbitanten Preise für im Aufbau befindliche Biotech-Start-ups zu überweisen. Schließlich sind im ersteren Fall höhere Umsätze sicher und nicht einfach nur eine Hoffnung. Zudem können zusätzliche Gewinne herausgepresst werden, indem an Forschung und Entwicklung gespart wird oder auch die Vertriebsmannschaften bei Überlappungen zusammengestrichen werden.

Trotz der Wachstumsprobleme verfügen die meisten Pharma-Größen über ansehnliche Cashflows und ihre Bilanzen heimsen ein Investmentgrade-Gütesiegel ein. Das wiederum erleichtert ihnen im Niedrigzinsumfeld die Schuldenaufnahme, um Zukäufe zu stemmen.

Viele Pharmawerte notieren derzeit auch noch mit einem Abschlag. Ende Juni kamen Biotech-Werte wie Amgen, Biogen und Gilead nur auf Kurs-Gewinn-Verhältnisse von 8. Diese drei Konzerne dürften aber laut Analysten von Mizuho in den kommenden fünf Jahren kaum Umsatzwachstum vorweisen können. Sie haben zugleich allesamt genug Finanz-Schlagkraft für große Deals, könnten aber auch Übernahmeziele für die größten Akteure der Pharma-Welt werden.

So wies Allergan ein ähnliches Wachstumsprofil und eine vergleichbare Bewertung auf, als Abbvie ein Angebot auf den Tisch legte. Es klingt nach vernünftiger Medizin für Investoren, auf eine weitere Branchenkonsolidierung zu wetten. chem

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