Finanz- und Wirtschaftsspiegel

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Deutschland steuert auf konjunkturelle Verlangsamung zu

Erscheinungsdatum Website: 07.02.2019 18:05:05
Erscheinungsdatum Publikation: 08.02.2019

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FRANKFURT (Dow Jones)--Die deutsche Wirtschaft steuert auf eine weitere Wachstumsverlangsamung zu, die nach Einschätzung der EU-Kommission deutlicher als bisher erwartet ausfallen wird. Schwache Produktionszahlen für Dezember deuten darauf hin, dass ein abermaliger Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im vierten Quartal wohl nur knapp vermieden werden konnte. Auftragseingänge und Stimmungsdaten sprechen gegen eine rasche Erholung im neuen Jahr.

Die Produktion im produzierenden Sektor Deutschlands ist im Dezember unerwartet um 0,4 Prozent gesunken, während Volkswirte einen Anstieg von 0,8 Prozent prognostiziert hatten. Die Auftragseingänge sanken um 1,6 Prozent, erwartet worden war ein Zuwachs von 0,3 Prozent. Die beiden wichtigsten "harten" Konjunkturindikatoren haben damit in den vergangenen beiden Monaten enttäuscht.

VP Bank: BIP-Anstieg im vierten Quartal wird knappe Sache

Die Wahrscheinlichkeit, dass das BIP im vierten Quartal 2018 gestiegen ist, hat sich aus Sicht der liechtensteinischen VP Bank verringert. Chefvolkswirt Thomas Gitzel schrieb nach Veröffentlichung der Produktionsdaten: "Ein positiver BIP-Zuwachs im vierten Quartal wird zu einer knappen Kiste."

Nach Einschätzung von Alexander Krüger, Chefvolkswirt des Bankhauses Lampe, ruhen die Hoffnungen für etwas Wachstum im Schlussquartal 2018 auf dem Konsum und den Exporten. "Wenn die beiden etwas beitragen und wenn die Vorquartale nicht revidiert werden, dann bekommen wir auf jeden Fall 0,2 Prozent Wachstum", sagte er. Das Statistische Bundesamt veröffentlicht eine erste BIP-Schätzung am Donnerstag nächster Woche.

Krügers weiterer Ausblick ist eher nüchtern. "Wir werden schon irgendwann wieder mehr Autos produzieren, aber das weltweit nachlassende Wachstumstempo spricht dagegen, dass wir neuen konjunkturellen Glanz bekommen", sagte er.

Vervollständigt wird das trübe Bild der harten Indikatoren von einem anhaltenden Rückgang der Stimmungsindikatoren. Der Ifo-Index sank auf den tiefsten Stand seit 2012, der Einkaufsmanagerindex auf den tiefsten seit 2014. Verhagelt wird die Stimmung der Industrieunternehmen von den anhaltenden Unsicherheiten. Niemand weiß, wie der EU-Austritt Großbritanniens aussehen, wie der Handelsstreit mit den USA ausgehen und wie sich die italienische Regierung verhalten wird.

EU-Kommission: Exportdynamik erreicht nicht mehr früheres Niveau

Die EU-Kommission schreibt in ihrer "Winterprognose" für Deutschland: "Das Exportwachstum dürfte kaum wieder die Dynamik der Jahre 2014 bis 2017 erreichen." Gedämpft werde das Wachstum zudem von einem Arbeitskräftemangel. Das dürfte auch Erweiterungsinvestitionen begrenzen.

Gibt es gar keine Lichtblicke? Doch, ein paar schon - einen führt die Kommission selbst auf: Wohnungsbau und privater Konsum dürften auch 2019 und 2020 für ein "moderates" Wachstum sorgen. Auch sind die Konjunkturerwartungen von Investoren und Analysten, die das Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) regelmäßig erhebt, im Februar überraschend gestiegen.

Manche Analysten verweisen auch darauf, dass die schwachen Daten für Dezember immerhin bedeuteten, dass es nun nicht mehr schlimmer kommen könne. Zudem werden positive Aspekte im insgesamt schwachen Datenwerk hervorgehoben.

So verweist Unicredit-Volkswirt Andreas Rees darauf, dass die schnell produktionswirksam werdenden Bestellungen ohne Großaufträge im Dezember um 3,5 Prozent gestiegen seien und die Kfz-Bestellungen zuletzt ein höheres Niveau als vor Einführung des Abgasprüfstandards WLTP gehabt hätten. Sein Haus prognostiziert für das erste Quartal tatsächlich einen BIP-Anstieg von 0,6 Prozent.

Deutsche Bank: Deutsches BIP sinkt im ersten Quartal

Aber es gibt auch andere Stimmen. So prognostiziert die Deutsche Bank, dass das BIP im ersten Quartal sinken wird. Zwar gäben die Modelle zur Schätzung von Rezessionswahrscheinlichkeiten derzeit noch keine klaren Warnsignale, Analysen des Sachverständigenrates zeigten aber, dass diese in der Vergangenheit erst eindeutige Signale gegeben hätten, als die Rezession schon einige Monate am Laufen war, hieß es in einer Studie der Bank.

Außerdem tendieren Ökonomen laut Deutscher Bank dazu, die Augen vor einer beginnenden Rezession zu verschließen und solange krampfhaft von einer "vorübergehenden Schwächephase" oder ähnlichem zu reden, bis diese Sicht durch die Faktenlage erdrückt werde.

Die Wachstumsprognosen der Ökonomen für 2019 sind in den vergangenen zwei Monaten nur so gepurzelt. Der volkswirtschaftliche Stab der Europäischen Zentralbank (EZB) prognostizierte Deutschland Mitte Dezember noch 1,7 Prozent Wachstum. Die von der EZB befragten Professional Forecaster kamen Ende Januar noch auf 1,5 Prozent, die EU-Kommission erwartet Anfang Februar nur noch 1,1 Prozent.

DJG/hab/brb

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