Finanz- und Wirtschaftsspiegel

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Hängepartie um Evonik-Börsengang dürfte anhalten

Erscheinungsdatum Website: 18.05.2012 15:10:02
Erscheinungsdatum Publikation: 21.05.2012

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FRANKFURT (Dow Jones)--Die Hängepartie um Deutschlands größten Börsengang wird wohl weitergehen. Am Montag will das Kuratorium der RAG-Stiftung darüber entscheiden, ob die Vorbereitungen für den Börsengang des Spezialchemiekonzerns Evonik in die heiße Phase treten sollen. Angesichts der Unsicherheiten um Griechenland spricht inzwischen aber wieder vieles dafür, dass auch am Montag keine endgültige Entscheidung fallen wird. Evonik ist mit der Frage des richtigen Timings nicht allein: Auch bei Rheinmetall erhielten die Ambitionen für einen Börsengang der Autosparte am Donnerstag einen Dämpfer.

Die Vorsicht dürfte berechtigt sein: Die Sorgen um die Schuldenkrise in Europa und insbesondere um die weitere politische Entwicklung in Griechenland sorgen für kein gutes Klima an den Aktienmärkten. Als größter Unsicherheitsfaktor könnte sich die am 17. Juni anstehende Neuwahl in Griechenland erweisen. Bereits jetzt wird über einen Austritt des hoch verschuldeten Landes aus der Eurozone spekuliert, sollten die radikalen Parteien bei dem Urnengang die Oberhand gewinnen. Die Sorge der Anleger spiegelt sich in der Entwicklung des DAX wider: Getrieben von den Liquiditätsspritzen der Europäischen Zentralbank haussierte der Markt bis zum 16. März um gut 20 Prozent. Mit dem neuerlichen Aufflammen der Euro-Schuldenkrise verlor der Index seither um knapp 8 Prozent.

Wollte Evonik jedoch - wie schon einmal angedeutet - noch im ersten Halbjahr an die Börse gehen, müsste noch im Mai eine offizielle Absichtserklärung erfolgen. Das IPO-Fenster schließt sich Mitte Juli, in den Sommermonaten haben Börsengänge traditionell Pause. Ob Evonik angesichts der derzeit unsicheren Lage und vor der Entscheidung in Griechenland den milliardenschweren Sprung aufs Parkett wagt, erscheint vielen Beobachtern inzwischen mehr als fraglich. Ein anderer Konzern hat bereits Konsequenzen gezogen: Kreisen zufolge hat der Rüstungskonzern Rheinmetall seine Roadshow für einen Börsengang seiner Autozulieferer-Tochter Kolbenschmidt Pierburg verschoben - das Marktumfeld sei zu schwankungsanfällig, so eine mit der Materie vertraute Person.

Die Verunsicherung des Marktes lässt sich prima am Volatilitätsindex VIX ablesen, der als Stimmungsbarometer gilt und auch "Angst-Index" genannt wird. Der in den USA ermittelte Index errechnet sich aus den Versicherungsprämien, mit denen sich Marktteilnehmer gegen Kursschwankungen absichern. Steigt der VIX, rechnen Investoren mit größeren Ausschlägen und es stehen unruhige Zeiten bevor. Gestern schloss der VIX auf einem Jahreshoch bei 24,49. Ein Stand von 15 bis 20 gilt als optimal für Börsengänge, ein Niveau über 25 als Gift für eine optimale Preisfindung im Zeichnungsprozess. Zum Vergleich: Nach der Lehman-Krise notierte der Index lange Zeit über der Marke von 50 Punkten.

Der Börsengang von Evonik entwickelt sich allmählich zur unendlichen Geschichte. Das erste Mal misslang der Gang an den Kapitalmarkt, im Börsenjargon auch IPO genannt, während der Finanzkrise 2008. Statt Aktien an die Börse zu bringen, verkaufte die RAG-Stifung damals ein 25-Prozent-Paket für rund 2,4 Milliarden Euro an die Beteiligungsgesellschaft CVC. Das zweite Mal wurde der IPO im vergangenen Jahr verschoben - die Schuldenkrise der europäischen Länder und die daraus folgenden Turbulenzen an den Finanzmärkten ließen die RAG-Stiftung daran zweifeln, mit dem Börsengang die erhofften Milliarden erlösen zu können. Denn die Stiftung braucht das Geld zur Finanzierung der "Ewigkeitslasten", die sie ab 2019 mit dem Ende des Steinkohlebergbaus zu tragen hat. Entsprechend hoch sind die Erwartungen. Es heißt, dass die Stiftung eine Bewertung von 15 Milliarden Euro für Evonik sehen möchte.

Auch dieses Mal liess sich Stiftungs-Chef Wilhelm Bonse-Geuking stets eine Hintertür offen. Zwar hatte er jüngst in einem Interview gesagt, die Chancen für den Börsengang seien größer als die Risiken. Jedoch hatte er auch gleichzeitig deutlich gemacht, aufgrund der volatilen Märkte gegebenenfalls kurzfristig zu entscheiden.

Bei einem Erfolg könnte der Börsengang zu einem der größten IPOs seit der Deutschen Post werden. Damals erlösten der Bund und die bundeseigene KfW Bank im Jahre 2000 rund 6,6 Milliarden Euro. Bei einer Bewertung von 15 Milliarden Euro für den Gesamtkonzern könnten die Evonik-Eigner mit der Platzierung eines Drittels der Anteile rund 5 Milliarden Euro erzielen. Das Essener Spezialchemieunternehmen gilt damit als Kandidat für eine Notierung im DAX. Für das vergangene Jahr hat Evonik einen Umsatz von 14,5 Milliarden Euro und ein EBITDA von knapp 2,8 Milliarden Euro ausgewiesen.

Doch die derzeitige Bewertung der Mitbewerber läßt Zweifel an den optimistischen Erwartungen der Eigner aufkommen. Deutsche Wettbewerber wie Lanxess oder BASF werden derzeit nach Kalkulationen von Dow Jones Newswires mit einem 4,0 bis 4,3fachen ihres EBITDA (Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) bewertet. Basierend darauf käme Evonik derzeit "nur" auf eine Marktkapitalisierung von 11 bis 12 Milliarden Euro. Nicht erreichbar scheint dagegen die Bewertung von US-Konkurrent DuPont, auch wenn dieser laut Industriekreisen die größte Ähnlichkeit bei der Produktpalette aufweist. DuPont wird aktuell mit dem 7,9-fachen seines operativen Gewinns bewertet. Das würde eine Bewertung Evoniks von mehr als 22 Milliarden Euro bedeuten.

DJG/nas/kgb/sha

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