Finanz- und Wirtschaftsspiegel

Der Newsletter "Finanz- und Wirtschaftsspiegel" informiert täglich über die Aktivitäten der internationalen Zentralbanken mit Schwerpunkt auf die Europäische Zentralbank, die Federal Reserve und die Bank of Japan.

EZB signalisiert Ende des Kaufprogramms

Erscheinungsdatum Website: 08.06.2018 18:55:02
Erscheinungsdatum Publikation: 11.06.2018

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FRANKFURT (Dow Jones)--Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) dürfte nach seinen Beratungen am Donnerstag nächster Woche ein Ende des Anleihekaufprogramms APP signalisieren. Davon gehen nunmehr die meisten Beobachter aus, nachdem die EZB in dieser Woche etwas überraschend die kommunikative Brechstange angesetzt und damit anders geartete Markterwartungen weitgehend korrigiert hatte. Dass sie am Donnerstag bereits Details ihres Ausstiegs oder gar Vorstellungen hinsichtlich des künftigen Zinskurses mitteilen wird, halten Analysten für weniger wahrscheinlich.

Außerdem kommen in der Woche geldpolitische Entscheidungen der US-Notenbank (Mittwoch) und der Bank of Japan (BoJ), die ZEW-Konjunkturerwartungen für Deutschland und US-Konjunkturdaten.

Worüber hat die EZB zu entscheiden? Derzeit liegen die Leitzinsen der EZB bei null, der Satz für Überschusseinlagen der Banken sogar bei minus 0,40 Prozent. Er schmerzt die Banken besonders, denn wegen der von der EZB über Wertpapierkäufe erzeugten Liquiditätsschwemme orientiert sich das Niveau der kurzfristigen Marktzinsen an eben diesem Satz. Derzeit sagt die EZB: Wir werden unsere Zinsen erst deutlich nach dem Ende des Nettoerwerbs von Anleihen anheben. Deutlich bedeutet: Mehr als ein Quartal.

Zinsen steigen erst nach Ende der Nettoankäufe

Nach dem Ende des Nettoerwerbs bedeutet: Wenn die Ankäufe nicht mehr zu einer Bilanzvergrößerung führen - bis Ende September stockt die EZB ihre Anleihebestände nämlich im Rahmen des APP monatlich um 30 Milliarden Euro auf. Analysten erwarten überwiegend, dass die EZB ihre Ankäufe bis Jahresende einstellen und möglicherweise im Oktober nochmal das Monatsvolumen verkleinern wird.

Sobald die Nettokäufe beendet sind, kauft sie zwar immer noch Anleihen, und das nicht wenig, doch ersetzt sie dann nur noch die Fälligkeiten. Das ist auch der Moment, an dem die Zinserhöhungsuhr zu ticken beginnt. Nennt die EZB einen Endtermin für ihre Nettoankäufe, sollte sie möglichst auch einen Kommunikationsplan für die Zinsen in der Tasche haben.

Angesichts der vielen Bedrohungen des Wirtschaftswachstums glauben die wenigsten Analysten, dass das schon der Fall ist. Also erwarten die meisten von ihnen, dass die EZB noch keine neue Forward Guidance für die Zinsen liefern wird. Aus dem gleichen Grund gehen viele von ihnen davon aus, dass die Zentralbank noch keinen APP-Endtermin nennen wird. Und bis vor kurzen hätten die meisten von ihnen auch gewettet, dass jegliche Kommunikationsänderung im Hinblick auf die künftige Geldpolitik bis Juli würde warten müssen.

Praet setzte Juni-Sitzung wieder auf die Agenda der Analysten

Bis am Dienstagabend EZB-Chefvolkswirt Peter Praet auftrat und sagte, dass der EZB-Rat schon in der nächsten Woche darüber beraten werde, ob das APP noch zu den Inflationsaussichten passe, und andeutete, dass die drei Kriterien der EZB für eine nachhaltige Inflationswende als erfüllt anzusehen seien. In der Folge sprangen Anleiherenditen und Euro nach oben - Botschaft angekommen.

Allerdings teilen die wenigsten Volkswirte Praets plötzlichen Optimismus im Hinblick auf die Inflation. Zwar sind die Verbraucherpreise im Mai ölpreisbedingt und wegen Sondereffekten bei den Dienstleistungspreisen mit einer Jahresrate von 1,9 (April: 1,2) Prozent gestiegen und für die am Donnerstag anstehenden Inflationsprognosen ist mit einer Aufwärtsrevision zu rechnen. Doch das grundlegende Inflationsbild hat sich nicht geändert. Und die Wachstumsaussichten haben sich unter anderem wegen des Handelsstreits mit den USA und des gestiegenen Ölpreises eher eingetrübt.

Kein Wunder also, dass unter Beobachtern der Eindruck entsteht, dass das Ende des APP so oder so kommen wird, wenn nicht gerade eine Katastrophe passiert. Der Grund ist, dass die EZB schon so viele Papiere gekauft hat, dass sie bei einigen Ländern, zum Beispiel Deutschland, an selbst gesteckte Obergrenzen gerät. Dies berücksichtigend, kann sie mit einer Änderung ihrer Kommunikation nicht mehr lange warten.

Was der EZB-Rat am Donnerstag beschließt, könnte ein Kompromiss zwischen dieser Notwendigkeit und der Absicht sein, sich in derart unsicheren Zeiten nicht zu früh festzulegen.

FOMC hebt Leitzins um 25 Basispunkte an

Die US-Notenbank hat die Marktteilnehmer seit längerem auf eine Zinserhöhung im Juni eingestimmt. Der Offenmarktausschuss (FOMC) gibt seine Entscheidung am Mittwochabend um 20.00 Uhr bekannt. Volkswirte erwarten einhellig eine Anhebung des Tagesgeldzielsatzes um 25 Basispunkte auf 1,75 bis 2,00 Prozent. Fed-Funds-Futures preisen diesen Schritt zu 94 Prozent ein. Sicher eingepreist ist noch ein weiterer Zinsschritt bis Dezember, was der - bisherigen - Guidance des FOMC von drei Zinserhöhungen in diesem Jahr entspricht.

Volkswirte wollen allerdings angesichts starker Konjunkturdaten auch einen vierten Schritt nicht ausschließen. Und es ist gut möglich, dass die am Mittwoch anstehenden aktuellen FOMC-Zinsprognosen ein solches Szenario beinhalten werden. Weiteren Aufschluss in dieser Frage könnte zudem die um 20.30 Uhr anstehende Pressekonferenz mit Fed-Chairman Jerome Powell bringen.

BoJ hält still

In der Nacht zum Freitag veröffentlicht die Bank of Japan (BoJ) ihre geldpolitischen Entscheidungen. Analysten warten seit längerem darauf, dass sich auch die BoJ dem weltweit mehr oder weniger deutlich zu beobachtenden Straffungstrend anschließt. Bisher hat BoJ-Gouverneur Kuroda keine entsprechenden Signale geliefert. Nach seinen Worten wird die BoJ ihre ultralockere Geldpolitik beibehalten, bis sich die Inflation dauerhaft dem Zielwert von 2 Prozent annähert.

Wenn dieses Ziel in Sicht sei, werde die Zentralbank die Märkte auch wissen lassen, wie sie den Ausstieg aus ihrer ultralockeren Geldpolitik im Detail bewerkstelligen will, sagte er. Noch sei es aber zu früh, um über konkrete Maßnahmen zu sprechen.

Auch einige Konjunkturdaten stehen in der Woche auf dem Programm: Am Dienstag (11.00 Uhr) der Index der Konjunkturerwartungen des Zentrums für Europäische Konjunkturforschung (ZEW), bei dem alles andere als ein kräftiger Rückgang eine Überraschung wäre. Außerdem kommen am Dienstag (14.30 Uhr) die US-Verbraucherpreise.

Weitere US-Daten: Erzeugerpreise (Mittwoch, 14.30 Uhr), Einzelhandelsumsätze und Importpreise (Donnerstag, 14.30 Uhr) und Industrieproduktion (Freitag, 15.15 Uhr).

DJG/hab/apo

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