Finanz- und Wirtschaftsspiegel

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Mersch sieht Risiko einer zu späten EZB-Zinserhöhung

Erscheinungsdatum Website: 06.12.2017 16:00:03
Erscheinungsdatum Publikation: 07.12.2017

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FRANKFURT (Dow Jones)--EZB-Direktor Yves Mersch sieht das Risiko, dass die Europäische Zentralbank (EZB) durch eine zu weit reichende Forward Guidance daran gehindert wird, ihre Zinsen in Reaktion auf einen unerwartet raschen Inflationsanstieg anzuheben. Bei einer Konferenz in Frankfurt sagte Mersch: "Tatsächlich ist Forward Guidance ein Versprechen, nicht auf künftige Datenergebnisse zu reagieren, um die Märkte dazu zu bringen, weiterhin mit niedrigen Zinsen zu rechnen. Ist unsere Forward Guidance jedoch zu weit in die Zukunft gerichtet, über den Punkt hinaus, an dem berechtigte Erwartungen hinsichtlich der Wirtschaft gebildet werden können, so besteht das Risiko, dass uns hierdurch unnötig die Hände gebunden sind - es sei denn, dies hätte die einstimmige Unterstützung des EZB-Rats."

Mersch zufolge hat der EZB-Rat die Reduzierung der Anleihekäufe ab 2018 auf 30 (derzeit: 60) Milliarden Euro beschlossen, um zu verhindern, dass die Geldpolitik angesichts des sich festigenden Konjunkturaufschwungs zu akkommodierend wird. Dass die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen seit dem Sommer noch weiter gesunken sei, obwohl die Wachstums- und Inflationserwartungen gestiegen seien, sei jedenfalls "nicht Ziel des EZB-Rats" gewesen. Es könne sein, dass die Inflation bis Jahresende über der psychologisch wichtigen Marke von 1 Prozent bleiben werde.

Mersch forderte, weitere Anpassungen vorzunehmen, falls sich diese Entwicklung fortsetzen sollte. Er plädierte dafür, nicht alleine auf die Inflationsrate zu schauen, um die Angemessenheit der Geldpolitik zu beurteilen, sondern auch die mit zunehmender Dauer von Anleihekäufen und Nullzinsen einhergehenden Risiken zu beachten.

Mersch hob zwei Risiken hervor:

1. Angesichts des abgeflauten Deflationsrisikos könnte der derzeitige geldpolitische Kurs mit einem Mal zu akkommodierend sein. Aufgrund der Unsicherheiten und Ungenauigkeiten, die mit der Messung der Unterauslastung und des Inflationsdrucks in der Wirtschaft verbunden sind, könnte die EZB der Entwicklung hinterherlaufen, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Wörtlich sagte der EZB-Direktor: "Dann müssten wir den geldpolitischen Kurs in den kommenden Jahren einer drastischen Korrektur unterziehen. Eine solche Korrektur der Zinsen wäre allerdings mit Risiken für den Finanzsektor verbunden. Da die Refinanzierungskosten schneller steigen als die Zinserträge aus der Kreditvergabe, könnte dies die Banken schwer treffen."

2. Die Inflation könnte im Lauf des nächsten Jahres deutlich höher ausfallen als von der EZB erwartet. Dann würde die EZB der Entwicklung hinterherlaufen, doch die optimale geldpolitische Reaktion wäre zunächst eine Änderung der Forward Guidance, nach der die Zinsen erst deutlich nach Ende des Kaufprogramms steigen werden. "Wenn wir also weiter am Erwerb von Vermögenswerten festhalten, so gehen die Märkte davon aus, dass die erste Leitzinserhöhung erst später kommt, was die Zinserwartungen über die gesamte Kurve hinweg dämpft", sagte Mersch.

Da die Leitzinsen schrittweise angehoben werden müssten, ist das Risiko einer zu schwachen EZB-Reaktion laut Mersch derzeit besonders akut. "Wird dieser Prozess zu spät eingeleitet, könnte die Geldpolitik zu lange zu locker bleiben. Wenn im Lauf des nächsten Jahres der Zeitpunkt gekommen ist, unseren geldpolitischen Kurs zu überdenken, sollten wir natürlich gründlich darüber nachdenken, wie sehr wir uns im Voraus festlegen wollen", gab Mersch zu bedenken.

DJG/hab/mgo

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